Ein Kerweumzug ist so etwas wie das bewegliche Inhaltsverzeichnis eines Dorfes. Statt Vereinsregister und Trainingspläne durchzublättern, stellt man sich am Bahnhofsplatz auf und wartet, bis das örtliche Leben vorbeikommt: mit Trompeten und Trommeln, Tennisschlägern und Fahrrädern, Kindern in Kostümen, Feuerwehrstiefeln, einer Hantel und – weil wir schließlich in Dilje sind – einer beachtlichen Anzahl Frösche.
Die vollständige Bilderstrecke des Zuges gibt es unten unter dem Artikel!
18 Gruppen machten sich bei der Diljemer Kerwe auf den Weg. Los ging es am Bahnhofsplatz, dann führte der Umzug durch das Dorf bis zum Rathausplatz. Dort wurden die Gruppen von Bobby Schoepe, dem Präsidenten der Partnerschaft St. Ilgen–Tigy, vorgestellt. Die Bewertung übernahmen Jochen Köhler, Harald Schneider, Wilhelm Stahn und Metin Seker vom Sandhäuser Kerwekomitee.
Mit Musik vom Bahnhof ins Dorf
Vorneweg marschierte die Stadt- und Feuerwehrkapelle Leimen unter der Leitung von Karl Benz. Fahne voraus, dahinter reichlich Blech und Schlagwerk – ein Kerweumzug gehört schließlich zu den wenigen Veranstaltungen, bei denen man schon mehrere Straßen vorher hören darf, dass er kommt. Vom Bahnhofsplatz setzte sich der Zug in Bewegung und brachte nach und nach das ganze Spektrum des St. Ilgener Vereinslebens auf die Straße.
Die „Beach Boyz“ des Tennisclubs Kurpfalz zeigten dabei früh, dass ein Vereinsumzug nicht zwingend in Trainingskleidung absolviert werden muss. Der Name war Programm, das Auftreten entsprechend sommerlich. Tennisplatz und Strand liegen geografisch zwar nicht unmittelbar nebeneinander, bei der Kerwe sind solche Entfernungen jedoch seit jeher überwindbar.
Überhaupt lebte der Zug von diesen Wechseln. Eben noch Musik, dann Sport, dazwischen Kindergruppen und wieder ein Verein, dessen Mitglieder sich für den Nachmittag etwas Besonderes überlegt hatten. Gerade dadurch wurde aus den 18 teilnehmenden Gruppen keine bloße Aufzählung, sondern ein ziemlich anschaulicher Rundgang durch das, was in St. Ilgen während des Jahres in Hallen, Vereinsheimen, Proberäumen, Kindergärten und auf Sportplätzen passiert.
Sportgeräte eignen sich erstaunlich gut für einen Kerweumzug
Die Sportschützen St. Ilgen waren ebenso vertreten wie der Turnverein Germania, die Jugend des FC Badenia und der Tischtennisclub Schwarz-Gold. Beim Motorsportclub St. Ilgen kamen Fahrräder mit auf die Strecke – auf einem Kerweumzug die deutlich leisere Variante des Motorsports und zwischen Fußgruppen ohnehin die vernünftigere.
Der AC Germania machte seine sportliche Zuständigkeit besonders unmissverständlich klar. Die Gewichtheber nahmen eine Langhantel mit großen farbigen Scheiben mit auf den Weg. Andere Vereine tragen ein Schild, Gewichtheber tragen eben Gewichte. Man sollte schließlich zeigen, was man kann.
Beim Wado-Ryu-Dojo bestimmten weiße Karateanzüge das Bild. Kinder und Erwachsene marschierten gemeinsam, Gürtel in unterschiedlichen Farben gehörten ebenso dazu wie Vereinsfahne und Schild. Nach bunten Kostümen und kräftigen Vereinsfarben fiel das Weiß beinahe besonders auf – optische Zurückhaltung kann in einem Kerweumzug überraschend auffällig sein.
Auch die Jugend des FC Badenia brachte ihren Sport mit auf die Straße. Rote Trikots und Fußbälle machten lange Erklärungen überflüssig. Ein Ball in Kinderhand entwickelt bei solchen Gelegenheiten allerdings erfahrungsgemäß ein gewisses Eigenleben. Dass er Teil eines geordneten Festzuges sein soll, ist dem Ball selbst schließlich nicht bekannt.
Nachwuchsarbeit läuft einfach mit
Besonders sichtbar wurde bei diesem Umzug, wie selbstverständlich Kinder und Jugendliche dazugehören. Bei der Jugendfeuerwehr St. Ilgen marschierte der Nachwuchs in dunkelblauen Shirts, Einsatzhosen und Stiefeln mit. Fahne voraus, die Gruppe dahinter – Nachwuchsarbeit nicht als Tagesordnungspunkt einer Jahreshauptversammlung, sondern ganz konkret auf der Straße.
Auch bei den Sportvereinen liefen mehrere Generationen gemeinsam. Kinder, Jugendliche, Eltern und langjährige Mitglieder waren unterwegs, mal mit Vereinsschild, mal mit Sportgerät, mal einfach in den entsprechenden Farben. Ein Verein besteht eben nicht nur aus der Trainingsstunde am Dienstagabend. Irgendjemand muss Kinder fahren, Trikots waschen, Kuchen backen, Listen führen, Getränke holen und am Ende noch wissen, wo der Schlüssel fürs Vereinsheim liegt.
Die Kindergärten machten aus dem Umzug stellenweise eine ziemlich farbenfrohe Angelegenheit. Der evangelische Kindergarten Probsterwald erzählte mit seinen Kostümen „Blauland“: Blau bestimmte Kleidung und Kopfbedeckungen, während die Erwachsenen Hände und Gruppe zusammenhielten. Wer schon einmal mit vielen kleinen Kindern gemeinsam eine festgelegte Strecke zurücklegen wollte, weiß, dass „Umzug“ dabei durchaus mehrere Bedeutungen haben kann.
Die Pestalozzi-Kindertagesstätte St. Ilgen war unter dem Motto „Hier spielt die Musik“ unterwegs. Kinder, Begleitpersonen und die auffällige Gestaltung überzeugten später auch die Jury: Die Pestalozzi-Kita landete bei der Bewertung der Umzugsgruppen auf Platz eins.
Musik kommt nicht nur von vorne

Für den passenden Geräuschpegel sorgte keineswegs allein die Stadt- und Feuerwehrkapelle. Die Heddesema Zahlekracher waren ebenfalls dabei, und der Kurpfälzer Fanfarenzug aus Wiesloch brachte mit seinen blau-weißen historischen Uniformen, Federhüten, Trommeln, Fahnen und Fanfaren ein völlig anderes Bild auf die Straße. Früher hätte man bei einer solchen Formation vielleicht nach dem Landesherrn Ausschau gehalten; in St. Ilgen genügte an diesem Nachmittag die Richtung Rathausplatz.
Die Musikzüge hatten dabei einen kleinen Vorteil gegenüber den übrigen Gruppen: Man musste nicht erst um die Ecke schauen, um festzustellen, dass die Nächsten kamen. Trommeln und Fanfaren erledigten die Vorankündigung zuverlässig selbst.
Neue Dorffreunde zwischen alten Vereinen
Mit dabei waren auch die neu gegründeten Diljemer Dorffreunde. In dunkelblauen Shirts und mit blauen Sonnenbrillen zogen sie durch den Ort. Der junge Verein will Menschen zusammenbringen und Heimatverbundenheit stärken. Ein gemeinsamer Weg durchs Dorf ist dafür kein schlechter Anfang – und kommt ohne Arbeitskreis, Leitbild und Powerpoint-Präsentation aus.
Gerade darin lag eine der schönen Seiten dieses Umzugs: Neben Vereinen, die seit vielen Jahren oder Jahrzehnten zum örtlichen Leben gehören, liefen neue Gruppen, Kindergartenkinder und Jugendliche mit. Das Vereinsleben stand also nicht wie ein Museumsstück am Straßenrand, sondern bewegte sich tatsächlich. Gelegentlich sogar ziemlich flott.
Die Frösche kommen selten allein
Eine eigene kleine Abteilung des Umzugs bildeten die KC Frösche. Grün war dabei erwartungsgemäß keine zufällig gewählte Farbe. Froschkostüme, grüne Kleidung und allerlei Zubehör ließen keine Zweifel daran, welcher Verein gerade unterwegs war.
Dazu kamen die Tanzgruppen des Vereins. Die Jugendtanzgruppe zog ebenso mit wie eine weitere Tanzgruppe der Frösche. Dahinter und dazwischen liefen weitere Vereinsmitglieder und Freunde, bei denen für diesen Nachmittag weniger die Choreografie als der gemeinsame Spaß am Umzug im Vordergrund stand. Ein Kerwezug verträgt beides.
Zu den Fröschen gehören auch Kerweschlumpel „Jessessna“, Schlackel Klaus Häuseler und Frank Köhler. Der Kerwe-Schlackel im Rambo-Kostüm war dabei schwer zu übersehen. Muskelshirt, Perücke und entsprechende Ausstattung gehören zwar nicht zur üblichen kommunalen Dienstkleidung, erfüllten ihren Zweck im Kerweumzug aber erheblich besser.
Wenn Kerwe plötzlich kommunalpolitisch wird
Neben Musik, Sport und Kostümen bekam auch ein Thema seinen Platz, das St. Ilgen derzeit beschäftigt: die Verlagerung wichtiger Ansprechpartner für Bürger und Vereine aus dem St. Ilgener Rathaus ins Historische Rathaus nach Leimen.
Der Stadtteilverein St. Ilgen machte seinen Protest sichtbar. Mitglieder gingen in Trauerkleidung mit, auf Schildern stand unter anderem „Dilje darf ned unnergeh“ und „Lasst uns Dilje lebenswert erhalten!“. Eine eigens gestaltete Traueranzeige nahm zum 1. Juli 2026 Abschied von der örtlichen Amtsverwaltung und formulierte den Wunsch nach einem Ansprechpartner vor Ort. Kommunalpolitik kann ziemlich viele Seiten Papier produzieren. Auf einem Kerweumzug reichen manchmal ein schwarzes Kleid und ein Schild.
Auch aus dem Umfeld der Frösche wurde das Thema aufgegriffen. „Dieser Umzug bürgert uns aus“ und „Gegen unseren Willen“ lauteten dort die Botschaften. Damit bekam das Wort „Umzug“ gleich zwei Bedeutungen: einmal den Zug durchs Dorf und einmal den von Teilen der Verwaltung nach Leimen. Sprachlich praktisch, politisch weniger.
Am Rathausplatz wird aus dem Zug wieder eine Kerwe
Am Rathausplatz angekommen, stellte Bobby Schoepe die einzelnen Gruppen vor. Unter den Gästen waren Oberbürgermeister John Ehret, Bürgermeisterin Claudia Felden, Hauptamtsleiter Ralf Berggold sowie Mitglieder des Gemeinderats und des Jugendgremiums. Die vier Juroren aus Sandhausen hatten derweil die Aufgabe, aus sehr unterschiedlichen Auftritten eine Rangfolge zu machen – Kindergärten, Karnevalisten und Vereine lassen sich bekanntlich nur bedingt nach DIN vergleichen.
Am Ende erreichte der Stadtteilverein St. Ilgen Platz drei, die KC Frösche kamen auf den zweiten Platz und die Pestalozzi-Kindertagesstätte gewann die Wertung. Bobby Schoepe erhielt für die Vorstellung der Gruppen eine Flasche Wein. Eine Bezahlung, die in öffentlichen Tarifverträgen vermutlich nicht vorgesehen ist, auf einer Kerwe aber bislang erstaunlich wenige arbeitsrechtliche Grundsatzdebatten ausgelöst hat.
Und dann kam der Kerweschlaggel
Stefan Riemensperger, der neue Kerweschlaggel, hatte am Rathausplatz anschließend seinen großen Auftritt. Seine Kerwerede haben wir bereits ausführlich veröffentlicht. Darin nahm er unter anderem Sandhausen, die Leimener Baustellen und die Veränderungen beim Bürgerservice in St. Ilgen aufs Korn. Zum Schluss wurde der Ton ernster: Riemensperger sprach über das Ehrenamt und darüber, dass Vereine, Kerwe, Wochenmarkt und andere örtliche Angebote nur bestehen können, wenn Menschen sie tatsächlich nutzen und unterstützen.
Nach diesem Umzug musste man nicht lange überlegen, wen er damit meinte. Die Menschen, die gerade vom Bahnhofsplatz durchs Dorf gezogen waren, stellten schließlich einen beträchtlichen Teil jener Mannschaft, die eine Kerwe überhaupt möglich macht. Und viele Vereine waren an diesem Wochenende gleich doppelt im Einsatz: Sie liefen beim Umzug mit und betrieben zugleich Stände, teilten Helferschichten ein, bauten auf, verkauften Essen, schenkten Getränke aus und räumten später wieder zusammen.
Dafür gehört ihnen ausdrücklich Dank. Auch denen, die auf keinem Siegerfoto stehen und keine Ansage am Mikrofon bekommen: den Menschen hinter den Theken, an den Kassen und Grills, beim Auf- und Abbau, bei der Kinderbetreuung und in den vielen Diensten, die man als Besucher meistens erst bemerkt, wenn sie einmal niemand übernimmt.
Riemenspergers Kerwerede und der anschließende Fassanstich haben deshalb ihren eigenen Artikel bekommen. Dort lässt sich auch noch einmal nachlesen und im Video verfolgen, wie aus dem geplanten kurzen Anzapfen eine rund 25 Hammerschläge dauernde Begegnung zwischen Oberbürgermeister, Zapfhahn und Fass wurde: 25 Schläge bis zum Bier: Diljemer Kerwe startet mit Kerwerede und Fass-Debakel.





