(20.9.26) Zum letzten Mal stand am gestrigen Samstag Wolfgang I. (Apotheker Wolfgang Müller) als Schlossherr auf der Kerwebühne und spach über Leimen, die Weinkerwe und aktuelle Themen. Hier seine vollständige Rede:
Ihr Bürgersleute und Rat der Stadt, wie schön ist es, hier auf der Kerwe zu stehen und Euch, liebe Festgemeinde, zu sehen!
Tradition leben, gemeinsam feiern, lachen und Spaß haben, darauf freuen wir uns in den nächsten Tagen.
Und doch stehen wir auch hier, um Euch allen in die Herzen zu schauen und anzusprechen, was Euch bewegt und nicht vergessen werden darf, auch auszusprechen.
So wollen wir, Christin und Mara als Schlossfräulein und ich als Schlossherr, es auch dieses Jahr so halten, zu schauen auf unsere Stadt und ihr Verhalten. Und auf Deutschland im Großen und Deutschland im Kleinen, womit wir unser Leimen meinen.
Zuversicht und Mut
Bei vielen ist das Sich-Ereifern zum Programm geworden und wir sind vom Wutbürgertum angesteckt. Aber das bringt uns nicht weiter, und nur Zuversicht und Mut – nur dies bringt uns Stück um Stück weiter.
Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt und noch nie ist es uns so gut gegangen in allen Belangen. Unsere Gesundheit ist bezahlbar, unser Wohlstand ist hoch. Wir können in Freiheit leben, uns bewegen, frei wählen und frei reisen dazu. Wir haben, was wir brauchen, und vieles noch mehr, was will man denn mehr.
Unser heimatliches Deutschland ist nicht dem Untergang geweiht, unsere Verwaltung kein Desaster und unsere Sicherheit und Ordnung immer noch vorhanden und im Weltvergleich meist unerreicht. Unerreicht und gnadenlos sind sicher auch manchmal unsere polizeilichen Ordnungshüter, wenn sie unsere Gemüter erregen. Hier wünscht man sich manchmal mehr Fingerspitzengefühl mit bürgerlicher Nähe, dies wäre famos und käme ganz groß. Seien es farbige Parkscheiben oder markierte Flächen. Aber sie haben es – zugegeben – nicht ganz leicht, weil dem deutschen Amtsschimmel die präzise Erfüllung nur reicht.
Unser Bildungssystem ist – bei allen Verbesserungsmöglichkeiten und trotz Pisa hin und Pisa her – immer noch eins der besten der Welt, ungeachtet der Herkunft und ohne viel Geld. Wir haben es doch selbst in der Hand: Seien wir doch gelassener, optimistisch und empathisch, denn nur so bleiben wir uns weiter gegenseitig sympathisch.
Es sind so viele unterwegs, die falsche Emotionen in uns wecken wollen und darauf aus sind, von Empörung, Wut oder gar Hass zu profitieren, aber mit denen wollen wir wahrlich nicht konkurrieren.
Vielmehr gilt es, Verantwortung füreinander zu tragen, auch für die, die – wie immer – zu uns kamen, denn wir sind letztlich aufeinander angewiesen, und darauf sei immer wieder hingewiesen.
Integration und Europa
Integration ist Geben und Nehmen. Also lasst uns den Spagat wagen, denen zu helfen, die zu uns kamen, sich aber auch zu unserer freien und demokratischen Werteordnung bekennen. Und sie sollten aber alle auch wissen, wie es ein Bundespräsident formulierte: Unser Herz ist weit, doch unsere Möglichkeiten sind endlich! Und ich füge hinzu: Wir sollten den „Richtigen“ helfen! Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Und dies gilt für Deutschland im Großen und für Leimen im Kleinen.
Und mit Blick auf unsere europäischen Partnergemeinden kann unsere Botschaft nur lauten: Ihr seid uns willkommen zu jeder Zeit und wir für unsere Freundschaft stets bereit. Wir sind frei, uns für Europa zu entscheiden, Europa ist unsere Zukunft, sonst haben wir keine. Und auch wenn der Frieden in Europa uns nicht garantiert ist, umso wichtiger ist, dass Ihr mit Eurem Kommen unsere so wichtige Freundschaft ziert.
Wir leben im besten Europa, das wir jemals hatten, und die Lehre muss auch hier heißen: „NIE WIEDER!“ – dies sei uns verheißen.
Bildung und Ehrenamt
Und dennoch ist es in diesen sicher schwierigen Zeiten nicht einfach, alles zu begreifen. Dieses Land hat so gut wie keine Bodenschätze, wir haben andere „Schätze“, und ich will zwei ganz wichtige benennen, denn die muss man kennen.
Zum Beispiel die Bildung unserer Kinder und das Ehrenamt in so vielen Vereinen und Institutionen – dies sind so wichtige Positionen. Hier sind wir weltweit unerreicht. Engagement und Gemeinsinn suchen ihresgleichen und können unglaublich viel erreichen.
Schaut auf die Wichtel als Beispiel in unserem Wald. Sie stehen für unsere fantasievolle Kinderwelt und die Initiatoren für das Ehrenamt gesamt. An einem Sonntagnachmittag ist dort mehr Betrieb, als es ihn in der Rathausstraße an einem ganzen Wochenende gibt. Nehmt dies als Zeichen, dies erklärt so vieles, vorausgesetzt, man sieht es.
Und „die Wahrheit wird Euch frei machen“ oder „da beißt die Maus keinen Faden ab“: Der Einzelhandel in der Stadt hier hat schwer ums nackte Überleben zu kämpfen.
Leimens unendliche Geschichte
Womit wir bei Leimens unendlicher Geschichte wären. Seit 1991 – länger als manche Gemeinderäte auf der Welt sind –, also seit 35 Jahren, wird um das Projekt Rathausplatz diskutiert und disputiert. Bis vor wenigen Jahren wurde dieses „angebliche Sahnestück“ noch als Parkplatz benutzt, Varianten wie der Bau eines Ärztehauses oder ein Hotel mit Festhalle verworfen und mit einem Bürgerentscheid in den Mülleimer geworfen.
Frei nach Luther ist man geneigt zu sagen: „Lass fahren dahin, sie haben’s kein’ Gewinn, das Reich muss uns doch bleiben.“
Geplatzte Träume seit Jahrzehnten, wäre es da nicht besser, ein Parkdeck und darauf einen Schulhof zu bauen und unseren „Treffpunkt“ zu begrünen? Dies würde den Kindern und uns allen doch mehr als genügen.
Das wär’s doch: Leimen schafft was und hat was!
Und da sind doch die Wünsche, die die Baustelle zieren und die da lauten: Heute doof, morgen Schulhof – Blech nach unten, Kinder nach oben – heute Umweg, morgen Lieblingsweg und heute Brachland, morgen Treffpunkt – ja, diese Wünsche wären doch alle erfüllt, im Sinne von Zukunft gestalten und unsere Heimat erhalten.
Nun, dies war es mit unserem Anspruch, dem Volk aufs Maul zu schauen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen.
Ein letztes Mal auf der Kerwebühne
Ihr Bürgersleute und Rat der Stadt, nun alles seine Zeiten hat. So stehen wir drei, Christin, Mara als Schlossfräulein und ich als Schlossherr Wolfgang I., ein letztes Mal auf dieser Kerwebühne. Es war uns eine Freude und es ging nicht nur darum, Schlossfräulein und Schlossherr zu mimen, sondern unserem Leimen zu dienen.
Mal mit spitzer Zunge und scharfen Kanten, wiewohl wir immer die Grenzen kannten. Ehrlich und frei die Meinung zu äußern, ist ein Privileg in diesem Land, in dem wir leben und das wir auch lieben.
Wir sprachen über Deutschland im Großen und Leimen im Kleinen und es ging uns um die Menschen. Sie sollen sich, die einen in ihrer alten und die anderen in ihrer neuen Heimat, verstehen und vereinen. Wut bringt uns nicht weiter, Probleme zu lösen. Sich begegnen und sich respektieren, danach sollten wir alle gieren.
Doch nun mögen andere mit neuen Ideen sich ihre Gunst verdienen – nur wäre es schön, die Tradition einer „Leimener Weinkerwe“ zu gestalten und zu erhalten. Wir sind zwar nicht weg, aber wir sagen Ade! Es lebe unsere Kerwe mit Frohsinn und Freud und dies zählt nur heut.
Ein „Glück Auf“ für die Weinkerwe 2026!





