Erst kein Wasser, dann kein Strom: Snailers mißglückter Ausflug nach Speyer

(fwu – 19.8.26) Es gibt Warnzeichen, die man ernst nehmen sollte. Dunkle Wolken beim Grillfest gehören dazu, ein ungewöhnliches Geräusch aus dem Motorraum ebenfalls, und bei einem Elektroroller vermutlich auch eine Batterieanzeige, die gewisse charakterliche Schwächen bereits früher offenbart hat. Man müsste sich nur daran erinnern.

Unser Presseroller Snailer II hatte gerade eine größere Exkursion nach Speyer absolviert. Und zwar nicht zum Vergnügen: Für unseren gleichzeitig erscheinenden Artikel über die aktuelle Trockenheit, den niedrigen Rhein und die Frage, was ein paar Millimeter Regen überhaupt noch ausrichten können, ging es zunächst zum fast ausgetrockneten Landgraben, zum Hartbach in der Schwetzinger Hardt und schließlich an den Rhein bei Speyer. Sandbänke fotografieren, Wasserstände anschauen, wieder zurück – ganz normaler Außendienst für unseren inzwischen acht Jahre alten elektrischen Redaktionskollegen.

Fast 19.000 Kilometer hat Snailer mittlerweile auf dem Buckel (Historie hier), wobei „Buckel“ bei seinem eher kantigen Design natürlich rein metaphorisch gemeint ist. Und eigentlich lief alles bestens.

Bis zum Waldparkplatz in Sandhausen.

36 Prozent. Batsch. Null.

Noch vier Kilometer bis nach Hause. Auf der Batterieanzeige standen beruhigende 36 Prozent. Das ist normalerweise kein Wert, bei dem man bereits den ADAC verständigt, Angehörige informiert und Notproviant verteilt.

Dann dauerte es ungefähr eine Sekunde.

36 Prozent. Batsch. Null.

Snailer II rollte noch ein Stück und stand.

Immerhin am Waldparkplatz in Sandhausen. Die Heimat gewissermaßen schon in Sichtweite – wenn auch nicht tatsächlich, weil Wald bekanntlich aus Bäumen besteht und diese der Fernsicht gewisse Grenzen setzen. Kein Alpenpass, keine Wüste Gobi, nicht einmal die andere Rheinseite. Vier Kilometer.

Das lässt sich lösen.

Moment mal – das hatten wir doch schon einmal

Langjährige Leser könnten an dieser Stelle allerdings ein Déjà-vu bekommen. Denn bereits im Januar 2022 hatte Snailer II seine erste elektrische Panne. Damals zeigte die Batterie noch mehr als 20 Prozent an, bevor sich der vermeintliche Reststrom binnen weniger Meter vollständig verabschiedete.

Die Redaktion schrieb seinerzeit von einem „Schwächeanfall“. Entfernung zur Basis damals: 2,6 Kilometer. Der Rasenreporter begann zunächst zu schieben, wurde aber nach rund zehn Minuten von einem aufmerksamen Leser entdeckt, der einen Anhänger organisierte und Snailer samt Reporter nach Hause brachte.

Nach anschließendem Laden meldeten sämtliche Diagnoseprogramme wieder beste Gesundheit, und Snailer versprach seinerzeit sogar ausdrücklich, nicht mehr plötzlich von 20 auf null Prozent Ladung abzusinken.

Nun ja.

Versprechen von Elektrorollern sollte man offenbar ähnlich behandeln wie manche Neujahrsvorsätze: freundlich zur Kenntnis nehmen, aber nicht zwingend die weitere Reiseplanung darauf aufbauen.

Diesmal wird nicht geschoben

2026 war die Situation allerdings komfortabler. Vier Kilometer sind zu Fuß machbar, aber einen Elektroroller über diese Distanz zu schieben, gehört nicht zwingend zum journalistischen Berufsbild. Außerdem lernt der Mensch ja aus der Geschichte. Gelegentlich.

Also kein großer Heckmeck. Batterie ausbauen, unter den Arm klemmen und ein Taxi bestellen. Snailer blieb am Waldparkplatz zurück, die Batterie durfte motorisiert nach Hause fahren.

Dort kam sie ans Ladegerät.

Dieses Ladegerät besitzt allerdings eine bemerkenswerte Eigenschaft: Es teilt seinem Benutzer praktisch nichts mit. Keine brauchbare Anzeige, kein Display, kein freundliches grünes Licht mit der Botschaft „Alles in Ordnung, geh schlafen“. Auch die Batterie selbst verrät nicht, ob gerade Elektronen einziehen oder geschlossen vor der Tür stehen.

Also Stecker rein, über Nacht laden und Vertrauen in die Technik. Letzteres war nach den Ereignissen des Nachmittags vielleicht etwas ambitioniert, aber man muss ja auch einmal loslassen können.

Mit dem Taxi zur eigenen Batterie

Am nächsten Morgen schien die Angelegenheit erledigt. Batterie unter den Arm, Taxi bestellen und zurück zum Waldparkplatz. Wegen einer vier Kilometer langen Fahrt wollte man schließlich niemanden aus Familie oder Bekanntenkreis belästigen.

Das Taxi fuhr davon. Der Rasenreporter stand mit frisch vermeintlich geladener Batterie neben Snailer. Akku einsetzen, Stecker verbinden, Klappe zu, Schlüssel herum.

Et voilà.

Nichts.

Die Batterie hatte über Nacht nicht geladen.

Damit waren Reporter, Roller und Batterie wieder glücklich vereint. Nur fahren konnte weiterhin keiner von ihnen.

Der Taxibetrieb freut sich

Offenbar war der Akku so tief entladen, dass sein Batteriemanagement die direkte Ladung verweigerte. Solche Schutzschaltungen sollen Lithium-Akkus vor Schäden bewahren. Eine technisch durchaus vernünftige Einrichtung, deren Vorzüge man auf einem Waldparkplatz allerdings zunächst eher akademisch würdigt.

Also Batterie wieder ausbauen. Wieder unter den Arm. Wieder ein Taxi bestellen. Wieder nach Hause.

Spätestens jetzt entwickelte sich die ursprünglich rücksichtsvolle Entscheidung, wegen läppischer vier Kilometer niemanden um eine Fahrt bitten zu wollen, zu einer kleinen privaten Wirtschaftsförderungsmaßnahme für den örtlichen Taxibetrieb.

Man hätte natürlich auch gleich jemanden anrufen können.

Aber hinterher ist der Mensch bekanntlich immer klüger. Besonders nach mehreren Taxifahrten mit einer Rollerbatterie auf dem Schoß.

Jetzt kommt der ADAC

Beim nächsten Versuch wurde deshalb die Strategie grundsätzlich geändert. Der ADAC durfte ran. Diesmal sollte nicht die Batterie reisen, sondern der komplette Snailer.

Der Elektroroller wurde abgeholt und schließlich wieder brav zu Hause angeliefert. Batterie eingebaut, Ladegerät über die Bordelektronik angeschlossen – und siehe da: Jetzt funktionierte es.

Zunächst sehr langsam und vorsichtig, dann kletterte die Ladeanzeige wieder nach oben. Snailer II kam zurück ins elektrische Leben, und die Batterie konnte ihre vorübergehende Karriere als Taxi-Stammkundin beenden.

Eigentlich wollten wir nur wissen, wie trocken es ist

Damit bekam die Recherche zur Dürre übrigens noch einen ungeplanten praktischen Nachtrag. Für den Blick auf den niedrigen Rhein, die ausgetrockneten Bäche und das sinkende Grundwasser waren wir losgefahren. Am Ende hatten nicht nur Rhein, Landgraben und Hartbach ein Problem mit zu wenig Wasser – unserem Presseroller fehlten zusätzlich ein paar Elektronen.

Der Unterschied: Beim Snailer ließ sich das Defizit innerhalb einiger Stunden wieder beheben. Bei den Böden, Bächen und beim Grundwasser wird das deutlich länger dauern. Die ganze Geschichte zur Trockenheit gibt es im parallel veröffentlichten Artikel. Dort geht es unter anderem darum, warum ein paar Millimeter Regen eben noch keine Entwarnung bedeuten.

Snailer hat Erfahrung mit kleinen Dramen

Wer die Geschichte unseres Presserollers kennt, wird wegen dieser Episode ohnehin nicht gleich einen Nachruf verfassen. Snailer II trat im September 2018 seinen Dienst bei Leimen-Lokal an. Sein Vorgänger Snailer I hatte da bereits eine durchaus bewegte Redaktionskarriere hinter sich – inklusive Krankheiten, Werkstattaufenthalten und sogar eines Diebstahls.

Snailer II sollte die Sache moderner angehen: elektrisch, leise und abgasfrei. Sein Tempo war schon damals eher überschaubar, weshalb der Name Snailer – zusammengesetzt aus „Snail“ und „Biker“ – weiterhin ausgezeichnet passte. Dafür war und ist das Gefährt ideal für lokale Pressetermine und die traditionellen Raumpatrouillen durch Leimen, St. Ilgen, Sandhausen und Umgebung.

Vier Jahre später konnten wir bereits die ersten 10.000 Kilometer vermelden. Damals lautete die Bilanz: zuverlässig, genügsam und freundlich zu allen Verkehrsteilnehmern. Inzwischen sind aus den 10.000 fast 19.000 Kilometer geworden.

19.000 Kilometer sind noch kein Rentenantrag

Deshalb bekommt Snailer II wegen der jüngsten Episode auch keinen ernsthaften Tadel. Acht Jahre Redaktionsdienst und fast 19.000 Kilometer sind für einen kleinen Elektroroller durchaus eine Lebensleistung. Da darf eine Batterieanzeige irgendwann einen gewissen Altersoptimismus entwickeln.

Nur sollte der Fahrer inzwischen wissen, dass 36 Prozent bei Snailer möglicherweise weniger eine physikalische Messgröße als eine persönliche Einschätzung darstellen.

Künftig wird deshalb nicht mehr ausschließlich auf die Prozentanzeige geschaut. Auch der Kilometerstand seit der letzten Ladung bekommt wieder mehr Aufmerksamkeit. Eine geradezu historische Methode aus jener Epoche der Elektromobilität, in der Menschen noch selbst überschlagen mussten, wie weit sie gefahren waren.

Snailer II jedenfalls bleibt im Dienst. Die Batterie lädt wieder, der Roller fährt wieder, und nach fast 19.000 Kilometern gibt es keinen Grund, an eine Pensionierung zu denken. Nur der Rasenreporter wird künftig etwas genauer hinschauen.

Denn aus Fehlern soll man bekanntlich lernen. Dass wir dieselbe Lektion bereits 2022 hatten, lassen wir an dieser Stelle großzügig außer Betracht. Und der örtliche Taxibetrieb muss sich leider wieder andere Kundschaft suchen.

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