25 Schläge bis zum Bier: Diljemer Kerwe startet mit Kerwerede und Fass-Debakel

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(fwu – 13.9.26) Es gibt Sätze, die altern erstaunlich schnell. Oberbürgermeister John Ehret brauchte am Samstag bei der Diljemer Kerwe dafür ungefähr eine Minute. Kurz vor dem Fassanstich erzählte er noch gut gelaunt, sein Sandhäuser Bürgermeisterkollege brauche dafür angeblich „immer sehr viel“, zehn oder 15 Schläge seien im Gespräch. Falls es bei ihm schneller klappe, könne der Kollege ja „in die Lehre kommen“. Wenig später war klar: Dieser Lehrgang muss vorerst verschoben werden.

Doch der Reihe nach. Denn bevor Hammer, Zapfhahn und größere Mengen Bier eine eher ungeplante Beziehung eingingen, gehörte die Bühne Stefan Riemensperger. Als neuer „Schlaggel“ trat er zur Kerwerede an – mit Schweißband und einer gewissen Vorsicht: Namensgleichheiten mit lebenden Personen seien natürlich reiner Zufall. Man kennt solche Hinweise sonst eher aus Filmen. In Dilje wusste das Publikum damit ziemlich genau, was nun kommen würde. Das vollständige Video findet man unten, unter diesem Artikel.

Sandhausen – traditionell ein ergiebiges Nachbarthema

Riemensperger begann mit seinem, wie er selbst sagte, „Lieblingsthema“. Nein, nicht mit der finanziellen Lage der Stadt Leimen, sondern mit Sandhausen. Damit war die Richtung für die nächsten Minuten festgelegt.

Der Nachbarort bekam zunächst wegen seines Sandes und seiner Kiefern sein Fett weg, dann wegen eines Auftritts des Sandhäuser Bürgermeisters im dortigen Bad. Der war nach Riemenspergers Schilderung mitsamt Anzug, Schlips und Socken ins Becken gesprungen. Die Kerwerede zog daraus die naheliegende haushaltspolitische Konsequenz: Wer spart, wäscht beim Baden eben gleich den Anzug mit.

In Dilje, so Riemensperger, halte man es ohnehin anders: „Wir brauchen keine Show im Nass. Wir stehen mit Haltung an unserem Fass.“ Dieser Satz sollte rund 20 Minuten später noch eine gewisse zweite Bedeutung bekommen. Kerwereden besitzen manchmal eine erstaunliche prophetische Kraft.

Riemensperger erinnerte anschließend daran, dass Sandhausen für eine Veranstaltung selbst auf eine Halle in St. Ilgen angewiesen gewesen sei. Seine gereimte Bilanz: „Ihr habt den Sand, wir haben die Halle.“

Treffpunkt Leimen: Bagger, Bauzäune und 3,9 Quadratmeter

Nach dem Nachbarschaftsdienst ging es zur nächsten Baustelle – diesmal im wörtlichen Sinn. Der „Treffpunkt Leimen“ und die Arbeiten in der Kernstadt lieferten reichlich Material. Riemensperger beschrieb Stau, Schilder und Bauzäune und kam anschließend auf die Diskussion um den Pausenraum der Turmschule zu sprechen.

Dort sei wegen der Baustellensituation über die verfügbare Fläche für die Kinder diskutiert, gerechnet und gemessen worden. Besonders die von Ehret genannte Zahl von 3,9 Quadratmetern pro Kind griff Riemensperger dankbar auf. In seiner Version stand gedanklich schon das Ordnungsamt mit Block und Maßband daneben und kontrollierte den Pausenspaß quadratmetergenau.

Das ist der Stoff, aus dem Kerwereden gemacht sind: Eine nüchterne Zahl aus einer kommunalen Debatte verlässt das Rathaus und steht wenige Wochen später mit Narrenkappe auf der Bühne.

Der eigentliche Stachel: der Bürgerservice in St. Ilgen

Deutlich ernster wurde der Unterton beim diesjährigen Kerwemotto und dem Bürgerservice. Riemensperger schlug den Bogen zurück zur Eingemeindung 1975 und nahm aufs Korn, dass St. Ilgener für bestimmte Behördengänge künftig nach Leimen müssen.

Seine Rechnung war bewusst zugespitzt: Rund 11.000 Einwohner habe St. Ilgen, trotzdem werde der Bürgerservice vor Ort verändert, während im wesentlich kleineren Gauangelloch weiterhin ein Bürgeramt bestehe. „Mathe aus dem Absurditätenkabinett“ nannte er das in Richtung Oberbürgermeister.

Auch den Umzug von Verwaltungsmitarbeitern ins Leimener Rathaus verarbeitete Riemensperger ausführlich. Dort sitze der Chef künftig näher im Nacken und könne sogar die Raucherpausen genauer im Blick behalten – gesundheitspolitische Nebenwirkungen einer Verwaltungsreform, auf die vermutlich noch kein Gutachten gekommen ist.

Ganz ohne versöhnlichen Ausgang blieb die Spitze allerdings nicht. Riemensperger stellte schließlich die Frage, wo St. Ilgen ohne die Eingemeindung von 1975 womöglich gelandet wäre – und kam natürlich wieder bei Sandhausen heraus. Dann doch lieber Leimen, lautete sinngemäß seine Bilanz. Das Publikum hatte damit nach einem größeren kommunalpolitischen Rundkurs wieder festen Boden unter den Füßen.

Nach dem Frotzeln wird Riemensperger ernst

Bemerkenswert war der klare Schnitt am Ende der Rede. Riemensperger kündigte selbst an, nun sei der „spaßige Teil“ vorbei. Ohne Reime sprach er über das Ehrenamt und darüber, dass die Kerwe inzwischen auf zwei Plätzen stattfindet und von Vereinen, Helfern und Besuchern getragen wird.

Sein Appell war einfach und verständlich: Solche Veranstaltungen funktionieren nur, wenn Menschen mitmachen und auch hingehen. Das gelte ebenso für den Diljemer Wochenmarkt. Wenn niemand helfe, einkaufe oder Veranstaltungen besuche, würden solche Angebote irgendwann verschwinden. „Unterstützt uns und haltet unser Dorf am Leben“, gab Riemensperger den Zuhörern mit.

Ehret kontert – und verteilt erst einmal Gummibärchen

John Ehret nahm die Spitzen gelassen auf. Als Karnevalist könne er mit dem „Kerwe-Schabernack“ umgehen, sagte der Oberbürgermeister und zollte Riemensperger Respekt dafür, überhaupt dort oben zu stehen und die gereimten Spitzen vorzutragen. Wer das kritisch sehe, könne es selbst einmal versuchen.

Dann griff Ehret in einen grünen Sack, den er beim Umzug dabeigehabt hatte. Darin befanden sich allerdings keine Strafzettel, wie offenbar mancher vermutet hatte, sondern Gummibärchen für die Kinder. Auch das Ehrenamt stellte Ehret in den Mittelpunkt. Die Kerwe zeige gerade, dass St. Ilgen keineswegs „zugemacht“ werde und dass eine Kerwe im Stadtteil ausdrücklich gewollt sei.

Auf die Kritik am Bürgerservice ging er ebenfalls ein. Der Service bleibe erhalten, betonte Ehret, die Verwaltung bleibe ansprechbar – persönlich, per Telefon, E-Mail und über die städtische App. Kritik und unterschiedliche Interessen gehörten dabei offenbar zum Geschäft. Mit dem Stadtteilverein könne man sich durchaus einmal „fighten“, sagte Ehret sinngemäß, bekomme die Dinge aber gemeinsam hin.

Drei Preise und 18 Gruppen

Im Publikum viele Gemeinderäte und Bürgermeisterin Claudia Felden – hier alle gutgelaunt beim unterhaltsamen Fassbieranstich

Bevor es ans Fass ging, wurden noch Teilnehmer des Kerweumzugs ausgezeichnet. Eine Sandhäuser Delegation hatte die Gruppen bewertet. Den dritten Platz erhielt der Stadtteilverein, Platz zwei ging an die KC Frösche und auf Platz eins landete der Pestalozzi-Kindergarten.

Auch Bobby Schöper wurde bedacht. Er hatte beim Umzug die insgesamt 18 Vereinsgruppen vorgestellt und bekam dafür als Dank eine Flasche Wein. Damit waren die offiziellen Programmpunkte weitgehend erledigt und das Pult konnte zur Seite. Nun wartete nur noch das Fass.

„Mal gucken, wie viele Schläge du brauchst“

Stefan Riemensperger gab den Fassanstich frei und stellte genau die Frage, die sich später als verhängnisvoll erweisen sollte: Wie viele Schläge würde Ehret brauchen?

Der Oberbürgermeister verwies noch scherzend auf seinen Sandhäuser Kollegen, der angeblich zehn oder 15 benötige. Sollte es bei ihm „relativ schnell“ klappen, könne dieser bei ihm in die Lehre kommen. Dann wurde der große Hammer verlangt. Die Presse sollte sich positionieren, die Kameras waren bereit – kurz: Es war alles für jenes klassische Foto vorbereitet, auf dem ein Oberbürgermeister mit entschlossenem Blick einmal kräftig zuschlägt und Sekunden später das erste Bier ins Glas läuft.

So jedenfalls der Plan.

Nach ungefähr 25 Schlägen war die Statistik nicht mehr das größte Problem

Der erste Schlag brachte das gewünschte Ergebnis nicht. Der nächste auch nicht. Es wurde weitergehämmert, korrigiert und erneut angesetzt. Aus dem Fassanstich entwickelte sich nach und nach eine handwerkliche Langzeitstudie, während das Bier nicht unbedingt dort blieb, wo die Brauerei es ursprünglich vorgesehen hatte.

Rund 25 Schläge waren schließlich nötig. Gleichzeitig ging literweise Bier verloren. Rund um das Fass wurde gehalten, hantiert und versucht, der Lage Herr zu werden. Aus dem eleganten „O’zapft is“ war inzwischen eher die Frage geworden, ob wenigstens noch genügend im Fass geblieben war, um anschließend miteinander anzustoßen.

Ehret nahm auch diese Niederlage gegen Holz, Metall und Innendruck mit Humor. Im Video ist schließlich seine Ursachenforschung zu hören: „Ich glaube, es liegt an der Weldebrauerei.“ Auch der Hinweis, dass man mit Herrn Spielmann wohl einmal reden müsse, fiel noch. Wenn schon der Zapfhahn nicht sofort sitzt, muss wenigstens die kommunale Schuldzuweisung funktionieren.

Die Kerwerede und der denkwürdige Fassanstich im Video

Wer Riemenspergers komplette Kerwerede hören und vor allem verfolgen möchte, wie aus einem Fassanstich allmählich eine Gemeinschaftsaufgabe wird, findet beides im folgenden Video (Anstich ab Min. 25:40) :

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Material für die Kerwerede 2027 ist vorhanden

Am Ende passten Rede und Fassanstich beinahe zu gut zusammen. Riemensperger hatte über Sandhausen, Baustellen, Quadratmeter, Bürgerservice und die kleinen Absurditäten kommunaler Wirklichkeit gesprochen. Dann trat der Oberbürgermeister ans Fass und lieferte völlig ungeplant noch eine Geschichte dazu.

Und während sich Ehret wenige Minuten zuvor noch über die angeblich zehn oder 15 Schläge des Sandhäuser Bürgermeisters amüsiert hatte, stand am Ende für Dilje eine Größenordnung von rund 25 im Raum. Literweise Bier waren da bereits den Weg alles Irdischen gegangen.

Für Stefan Riemensperger hat das immerhin einen Vorteil: Wenn er im kommenden Jahr wieder als Schlaggel auf die Bühne steigt, muss er nicht lange nach dem ersten Thema suchen. Vermutlich reicht es, einen Hammer hochzuhalten.

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