85 Jahre Inge Hess – Leimens Graffiti-Oma hat noch lange nicht genug Farbe versprüht

Inge Hess mit Oberbürgermeister John Ehret
Oberbürgermeister John Ehret gratulierte Inge Hess persönlich zum 85. Geburtstag.

(fwu – 5.11.26) Manche Menschen werden im Ruhestand etwas ruhiger. Andere entdecken das Reisen, den Garten oder die Enkelkinder für sich. Und dann gibt es Inge Hess. Die Leimenerin griff ausgerechnet in einem Alter zur Spraydose, in dem andere längst die Gartenarbeit delegieren. Das Ergebnis: eine bundesweit bekannte „Graffiti-Oma“ und eine Stadt, die dank ihr an zahlreichen Ecken ein gutes Stück bunter geworden ist.

Am 28. Oktober 2026 feierte Inge Hess ihren 85. Geburtstag. Oberbürgermeister John Ehret ließ es sich nicht nehmen, der Jubilarin persönlich zu gratulieren und ihr neben dem offiziellen Glückwunschschreiben auch ein Präsent der Stadt zu überreichen.

Doch wer Inge Hess auf ihre Graffiti-Kunst reduziert, wird ihr nicht gerecht. Denn die Geschichte ihres ehrenamtlichen Engagements reicht viel weiter zurück als ihre inzwischen berühmten Stromkästen.

Von der deutsch-französischen Freundschaft zur Stadtmedaille

Inge und Karl-Heinz Hess bei ihrer diamantenen Hochzeit
Diamantene Hochzeit 2023: Karl-Heinz und Inge Hess mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans D. Reinwald.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Karl-Heinz engagierte sich Inge Hess über viele Jahre für die Städtepartnerschaft zwischen Leimen und dem französischen Tinqueux. Eine Partnerschaft, die nicht nur von offiziellen Delegationen und Festreden lebt, sondern vor allem von Menschen, die persönliche Freundschaften über Ländergrenzen hinweg pflegen.

Für dieses langjährige Engagement wurden beide bereits 2006 mit der Stadtmedaille in Silber ausgezeichnet.

2023 konnten die beiden noch ein weiteres besonderes Jubiläum feiern: ihre diamantene Hochzeit nach 60 gemeinsamen Ehejahren. Auch darüber haben wir damals ausführlich berichtet.

Nachbarschaftspflege lange vor der Graffiti-Karriere

Auch im eigenen Wohnviertel gehörten Inge und Karl-Heinz Hess zu den Menschen, die nicht lange über Nachbarschaftspflege redeten, sondern einfach etwas organisierten. Gemeinsam mit Werner Heringer waren sie vor mehr als 40 Jahren an der Gründung des Menzer-Straßen-Festes beteiligt. Dass diese Tradition bis heute fortlebt, zeigte sich 2025 beim 40-jährigen Jubiläum des Straßenfestes. Natürlich war auch Inge Hess dabei – und hatte eigens eine historische Collage zur Geschichte des Festes angefertigt.

Ein schönes Beispiel dafür, wie aus einer einfachen Idee eine jahrzehntelange Tradition werden kann. Man muss eben nur irgendwann anfangen.

Mit rund 80 Jahren eine neue Karriere begonnen

Von Inge Hess gestalteter Stromkasten am Fuchsberg
Einer der Anfänge 2021: Inge Hess verwandelte einen grauen Stromkasten am Fuchsberg in einen freundlichen Blickfang.

Ihre wohl ungewöhnlichste Karriere begann allerdings erst während der Corona-Pandemie. Dem Catering-Unternehmen, das sie bis dahin geführt hatte, brachen durch die Einschränkungen die Aufträge weg. Für Inge Hess offenbar kein Grund, sich dauerhaft auf das heimische Sofa zurückzuziehen.

Stattdessen entdeckte sie eine Kunstform, die man üblicherweise eher mit Jugendlichen in Verbindung bringt: Graffiti.

Mit Unterstützung der erfahrenen Graffiti-Künstler Askin Yilmaz, Michael Vogt und Steffen Ulrich lernte sie den Umgang mit Spraydosen, Schablonen und Farben. Ihre bevorzugten Leinwände waren dabei ausgerechnet jene grauen Strom- und Verteilerkästen, die im Straßenbild normalerweise allenfalls durch ihre Unansehnlichkeit auffallen.

Aus den unscheinbaren Kästen wurden Blumenwiesen, Landschaften, kleine Kunstwerke und farbenfrohe Blickfänge. Ihr Ziel war dabei ebenso einfach wie überzeugend: Leimen soll schöner werden! Und genau das setzte sie um. Nicht mit langen Konzeptpapieren, sondern mit Farbe, Fantasie und tatkräftiger Unterstützung ihrer Mitstreiter.

Eine Graffiti-Oma macht bundesweit Schlagzeilen

Inge Hess mit Steffen Ulrich und Kindern bei einer Graffiti-Aktion
September 2022: Inge Hess mit Graffiti-Künstler Steffen Ulrich und ihren Enkeln am neu gestalteten Stromkasten.

Was zunächst als ungewöhnliche lokale Verschönerungsaktion begann, entwickelte sich zu einer Geschichte, für die sich bald auch überregionale Medien und Fernsehsender interessierten.

Eine Seniorin, die mit der Spraydose durch Leimen zieht und Stromkästen verschönert – das war eben auch für Fernsehredaktionen eine Geschichte, die man nicht alle Tage findet.

2023 erhielt Inge Hess für ihr künstlerisches Engagement die Stadtmedaille in Gold. Nach der silbernen Auszeichnung für ihr Engagement in der Städtepartnerschaft war dies bereits die zweite hohe Ehrung durch ihre Heimatstadt.

Kunst, die Generationen verbindet

Graffiti-Aktion mit Inge Hess und weiteren Teilnehmern
Jung und Alt gemeinsam an der Spraydose: Bei der Aktion „Sei ein Mensch“ im Mai 2024 durften alle mitgestalten.

Besonders bemerkenswert ist, dass Inge Hess ihre Kunst nicht für sich allein betreibt. Immer wieder beteiligt sie Kinder und Jugendliche an ihren Aktionen und zeigt ihnen, wie aus einer Spraydose und einer guten Idee ein gemeinsames Kunstwerk entstehen kann.

Ein schönes Beispiel war der Graffiti-Spaziergang unter dem Motto „Sei ein Mensch“ im Mai 2024.

Mehr als 30 Interessierte machten sich damals auf den Weg, um ihre Arbeiten zu entdecken. Anschließend durften sie selbst zur Spraydose greifen. Unter Anleitung von Inge Hess entstand auf einem Verteilerkasten in der Senefelder Straße ein gemeinsames Bild mit zahlreichen Herzen und der Botschaft „Sei ein Mensch“.

Auch Inges Enkelin Tina war dabei und brachte den Schriftzug an. So wurde aus einer Verschönerungsaktion zugleich ein kleines generationenübergreifendes Gemeinschaftsprojekt.

Und auch beim Ferienprogramm im Leimener Freibad im August 2024 griffen Kinder gemeinsam mit Inge Hess und Michael Vogt zur Spraydose. Dabei entstanden zwei Wandbilder, die an die früheren Sprungtürme und die heutigen Wasserrutschen erinnern. Hier geht es zum damaligen Bericht.

Auch mit 85 ist die Spraydose noch nicht leer

Inge Hess mit Askin Yilmaz und Michael Vogt bei einer Graffiti-Aktion
September 2026: Inge Hess mit Askin Yilmaz und Michael Vogt bei der Gestaltung eines Versorgungskastens an der St. Ilgener Straße.

Dass Inge Hess keineswegs vorhat, ihre künstlerische Tätigkeit einzustellen, bewies sie erst vor wenigen Wochen. Gemeinsam mit Askin Yilmaz und Michael Vogt verwandelte sie einen zuvor beschmierten Versorgungskasten am Beginn der St. Ilgener Straße in eine farbenfrohe Landschaft mit See, Blumen und einem großen Schmetterling.

Wo vorher schwarze und blaue Schmierereien dominierten, leuchten nun Himmel, Berge und Blüten. Ein technischer Versorgungskasten bleibt das natürlich trotzdem – aber wenigstens einer, bei dem man inzwischen lieber hinschaut als weg.

Wir haben im September ausführlich über diese jüngste Verschönerungsaktion berichtet.

Man darf also davon ausgehen, dass Leimens graue Stromkästen auch künftig nicht unbedingt vor ihr sicher sind. Was aus Sicht der Stromkästen möglicherweise bedauerlich ist, dürfte die übrige Bevölkerung durchaus begrüßen.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Inge!

85 Jahre Leben, mehr als sechs Jahrzehnte Ehe, jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement und eine zweite künstlerische Karriere, die bundesweite Aufmerksamkeit erregte – Inge Hess hat eine bemerkenswerte Bilanz vorzuweisen. Vor allem aber zeigt sie, dass gesellschaftliches Engagement keine Altersgrenze kennt und dass man auch mit 80 noch etwas völlig Neues anfangen kann. Und damit nicht nur sich selbst, sondern einer ganzen Stadt Freude bereitet.

Die Redaktion von Leimen.News gratuliert Inge Hess herzlich zum 85. Geburtstag und wünscht ihr weiterhin Gesundheit, Lebensfreude und viele gute Ideen.

Und natürlich immer genügend Farbe in der Spraydose. Denn ein paar graue Kästen dürfte es in Leimen noch geben.

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